„Monte Laa“ ist in aller Munde und unter den Wienerinnern und Wiener bekannt – aber was genau ist das eigentlich? Und warum heißt es „Laa“?

Jeder kennt das neue Stadtentwicklungsgebiet beim Porr-Turm in Wien Favoriten, aber wenige kennen den Hintergrund dieser Bezeichnung. Denn der Begriff „Monte Laa“ entstand bereits vor knapp einhundert Jahren und definiert in seiner ursprünglichen Form den Laaer Berg.

Der Laaer Berg selbst entstand in der Zeit des pontnischen Meeres und hat in Folge von tausenden von Jahren vieles gesehen und mit erlebt. Sein Name dürfte sich ursprünglich von dem sich an seinen Hängen befindlichen Gebiet Laa ableiten, dessen Geschichte bereits im 12. Jahrhundert beginnt: In einer testamentarischen Verfügung aus dem Jahr 1140 ist von den „Gründen in Lô“ die Rede. In kirchlichen Traditions- und Grundbüchern des Mittelalters finden sich verschiedene Schreibarten des späteren Laa, wie zum Beispiel „Lô“, „Loh“, „Lach“, „Laach“ oder „Loch“. Die Herren von Lach (auch Laher oder Locher) waren seit dem 13. Jahrhundert in diesem Gebiet ansässig. Im Jahre 1440 starb mit Christoph von Laa das Geschlecht der Herren von Lâ aus.

Der Wald am Laaer Berg ist uns heute als „Laaerwald“ bekannt. 1788 jedoch war dieser noch als „Laacher Waldl“ in den Karten verzeichnet.

Wie aber wurde aus dem Laaer Berg nun „Monte Laa“? Ganz einfach: Während dem ersten Weltkrieg arbeiteten italienische Kriegsgefangene am Laaer Berg. Sie konnten das Wort „Laaer Berg“ nur mühsam aussprechen. Ein Aufseher, der die italienische Sprache beherrschte, übersetzte den Kriegsgefangenen die Bezeichnung daher – völlig korrekt und wortwörtlich – als „Monte Laa“. Damit war also nichts anderes als der „Berg Laa“, unser „Laaer Berg“ gemeint. Die damit neu gewonnene Bezeichnung wurde bald volkstümlich und war somit rasch in aller Munde.

In seiner ursprünglichen Form meint der Begriff „Monte Laa“ also den „Laaer Berg“.

Viele Menschen der heutigen Zeit verbinden den Begriff „Monte Laa“ jedoch mit grünen Hinweisschildern, die rund um „Monte Laa“ im zehnten Wiener Gemeindebezirk zu finden sind und jene, die dort hin wollen, auch dort hin weisen. Man kommt sodann unweigerlich zum neuen Stadtentwicklungsgebiet „Monte Laa“, das auf den ehemaligen Gründen der Firma Porr errichtet wurde und heute bis auf wenige noch nicht in Bau befindliche Gebäude weitestgehend fertig gestellt ist. Das Gebiet, an dessen Rand sich der bekannte Porr-Turm befindet, erstreckt sich entlang der Laaer-Berg-Straße und wird durch die Absberggasse, die Urselbrunnengasse sowie die Moselgasse begrenzt.

Wer heute von „Monte Laa“ spricht, kann sich also entweder auf den Laaer Berg oder das Stadtentwicklungsgebiet Monte Laa auf den ehemaligen Porr-Gründen beziehen.

In der Nachkriegszeit nach dem zweiten Weltkrieg wurde vieles über Jahre hinweg wieder aufgebaut. Es war auch die Zeit, in der sich ein Verein am Laaer Berg gründete, dessen Ziel die Verschönerung und Erhaltung des Gebietes am Laaer Berg war und der zu diesem Zweck unter anderem auch die „Laaerberger Rundschau“ veröffentlichte.

Die Gründungsversammlung des „Verschönerungsvereins Laaerberg“ fand am 18. September 1954 statt. Der Vorstand bestand ursprünglich aus Präsidentin Maria Geissler, Obmann Karl Sindelar (Stellvertreter Viktor Zemann), Sekretär Hans Heinz Pulkert (Stellvertreter Karl Koch), Kassier Gustav Dworak (Stellvertreter Ludwig Hotko) und den Beisitzern Karl Schuster und Anton Schwarz.

Der Laaer Berg wurde während dieser Zeit nach wie vor auch als Mistablagerungsstätte genutzt und war somit auch das Motiv eines Schlagerliedes mit dem Titel „Zwischen Simmering und Favoriten, liegt a Mistgrub´n in der Mitt´n“.

Der Verein machte es sich zur Aufgabe, das Gebiet des Laaer Berges sowie den restlichen Bestand des pannonischen Eichenwaldes (jene Gegend beim Böhmischen Prater) vor Verunstaltungen zu schützen. Die verfolgten Zwecke und Ziele des Vereins waren die Beseitigung der Kriegsschäden (Bombentrichter, Bunker, etc.), Schutz und Pflege der Wald- und Heckengelände sowie die Schaffung von Rast- und Spielwiesen. Der Verein wollte aufklärend sowie aufzeigend wirken und auf die Notwendigkeit der Erhaltung und Gestaltung des unentbehrlichen Naherholungsgebietes hinweisen.

Im Mai 1955 gab der Verein die erste Ausgabe der „Laaerberger Rundschau“ (das Vereins- und Nachrichtenblatt des Verschönerungsvereins Laaerberg) heraus. Der Verein konnte sich vieler finanzieller und materieller Spenden erfreuen. Darunter fand sich auch das Papier für die „Laaerberger Rundschau“, welches in dieser Zeit eher Mangelware war und von den Firmen Franz Waldmann und Mathaeus Salzer kostenlos zur Verfügung gestellt wurde.

Insgesamt wurden sechs Ausgaben der „Laaerberger Rundschau“ in unregelmäßigen Abständen zwischen Mai 1955 bis Oktober 1957 herausgegeben. Mit der sechsten und letzten Ausgabe wurde das Erscheinen der „Laaerberger Rundschau“ eingestellt.

Laaerberger RundschauDer Verschönerungsverein Laaerberg erreichte jedoch nicht nur die Herausgabe der „Laaerberger Rundschau“, sondern konnte noch viele weitere Erfolge für den Monte Laa verzeichnen. So konnten mit Unterstützung der Ankerbrotfabrik, der Simmering-Graz-Paukerwerke, der Wiener Brückenbau- und Eisenkonstruktion AG sowie Herrn Otto Geissler zahlreiche Bänke für Rastplätze und zur Verschönerung der Promenadenwege organisiert werden, aber auch tatkräftige Hilfe von Freiwilligen kam dem Verein zu Gute. Unter Mithilfe vieler Hände wurden in zahlreichen Arbeitsstunden nicht nur viele Schäden beseitigt, sondern auch Naturschutztafeln angebracht und sogenanntes „Stauböl“ verteilt, um der damaligen Staubplage Herr zu werden. Der Verein appellierte auch laufend an die Bezirksvertretung und führte zudem Gespräche mit der Gemeinde Wien.

Der Verschönerungsverein Laaerberg wurde schließlich im Jahre 1962 aufgelöst. Die genauen Gründe hierfür sind nicht näher bekannt, es liegt jedoch nahe, dass die Ziele des Vereins erreicht waren. Denn neben der erfolgreichen Tätigkeit des Vereins begann auch bereits das Aufforstungsprojekt der Stadt Wien am Laaer Berg zu fruchten, die nach ersten gescheiterten Versuchen zwischen den Jahren 1956 und 1964 insgesamt 270.000 Pflanzen auf mehr als 320.000m² setzte. Das dadurch neu geschaffene „Erholungsgebiet Laaer Wald“ wurde schließlich 1982 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Der junge MedardusDie Höhen des Laaer Berges mit seinen Ziegelgruben waren besonders in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg interessant und boten den Menschen Abwechslung. Die Frontbauten der Ziegeleien eigneten sich ideal als „historische“ Kulissen für die Sascha Filmgesellschaft, die am Laaer Berg einige Filme drehte.

Die Sascha AG wurde von Alexander Graf Kolowrat-Krakowsky im Jahre 1918 gegründet. Der Herr war allgemein als Sascha Kolowrat bekannt. Er wurde am 29.1.1886 in New York geboren und entwickelte die Leidenschaft für die bewegten Bilder nach einem Kinobesuch in Paris im Jahre 1909. Mit dem von seinem Vater geerbten Vermögen gründete er seine erste Filmproduktionsfirma, deren Sitz er im Jahre 1914 nach Wien verlegte. Er produzierte Kurzfilme und ab 1915 auch die Wochenschau, die vor allem Kriegsbilder zeigte. Mit der 1918 gegründeten Sascha AG wollte Sascha Kolowrat eine Konkurrenz zu Hollywood aufbauen. Pro Jahr ließ er bis zu 60 Spielfilme herstellen. Die Innenaufnahmen wurden großteils im Atelier in Sievering gedreht, während die Außenaufnahmen am Laaer Berg gedreht wurden. So entstand am Laaer Berg eine kleine Filmstadt, deren Bauwerke aus Holz und Pappe bei Bedarf schnell den jeweiligen Anforderungen angepasst werden konnten.

Die Favoritner freuten sich über den Nebenverdienst der sich ihnen bot und beteiligten sich an den Filmproduktionen, in dem sie in Kleider und Uniformen schlüpften und das Volk mimten. Bekannt wurde unter anderem der Streifen „Der junge Medardus“, der teilweise beim Filmteich am Laaer Berg gedreht wurde. Der ebenfalls am Laaer Berg vom ungarischen Regisseur Mihaly Kertész gedrehte Film „Die 10 Gebote“ schlug in den Kritiken sogar einen gleichzeitig in Hollywood gedrehten gleichnamigen Film, denn es hieß die österreichische Produktion wäre besser und eindrucksvoller gewesen.

Einer der ersten großen Filme war „Sodom und Gomorrha – Die Legende von Sünde und Strafe“, der in den Jahren 1921/22 entstand. Er sollte die kapitalistischen Ausbeuter eines Konzerns anprangern, die das Leben ihrer Arbeiter bei unkontrollierten Sprengungen gefährdeten. Die Handlung spielte zwar in der Gegenwart, wurde jedoch mit Rückblicken in acht unterschiedliche Epochen der Menschheitsgeschichte verknüpft.

Die letzte dieser Epochen zeigte den Untergang von Sodom und Gomorrha sowie den Einsturz eines imposanten biblischen Tempels, dessen Trümmer tausende Menschen unter sich begraben. Dieser Tempel wurde auf dem Laaer Berg aus Holz und Pappe gebaut. Wie viele Favoritner aus den umliegenden Wohngebieten als „Volk“ angeworben wurden ist heute leider nicht mehr feststellbar. Unterschiedliche historische Quellen sprechen von 3000 bis 12000 Menschen. Aber nicht nur die Anrainer sondern auch junge Schauspiele nutzten die Gelegenheit beim Film dabei zu sein, so auch die späteren Filmgrößen Paula Wessely und Willi Forst.

„Sodom und Gomorrha“ dauerte insgesamt drei Stunden und war damit nicht nur teuer sondern auch sehr lang. Die Kinos konnten dadurch insgesamt weniger Vorstellungen aufführen und mussten daher die Eintrittspreise erhöhen. Der erwartete Erfolg stellte sich – vielleicht dadurch oder vielleicht auch wegen der verworrenen Handlung und den Epochensprüngen – nicht ein.

Als größter (und vermutlich auch letzter) Monumentalfilm seiner Zeit ging der im Jahre 1924 am Laaer Berg gedrehte Film „Die Sklavenkönigin“ in die Geschichte ein. Er handelt von Moses und der Durchquerung des roten Meeres, was damals auch die größte Schwierigkeit beim Dreh darstellte.

Aber schon damals fand sich eine Lösung: Knapp vor der Kamera wurden zwei fünf Meter lange Holzbottiche montiert und mit Wasser gefüllt. Man entfernte dann die Wände der Bottiche, sodass das Wasser herausquoll. Beim verkehrten Ablauf der so entstandenen Szene hatte man dann den Eindruck, dass sich die Wasserwogen des Meeres teilten. Regisseur Gottlein erzählte einmal, dass das Filmteam noch Tage später im Schlamm waten musste, weil der Boden vom Wasser des Trickdrehs so aufgeweicht war. Für diese Trickaufnahme gab es übrigens großes internationales Lob, denn diese Szene stellte sogar einen gleichzeitig in den USA gedrehten Bibelfilm in den Schatten, bei dem die Teilung des Wassers aufwendiger produziert und dennoch nicht so echt und realistisch wirkte wie bei der Produktion am Laaer Berg in Wien Favoriten.

Von den Filmen sind heute großteils weder Originale noch Kopien, sondern nur noch Fragmente vorhanden. Mit Sascha Kolowrats Tod am 4.12.1927 endeten auch die Filmaufnahmen am Laaer Berg, die Sascha AG bestand noch bis 1938.

Betriebsrätin, Hilfsarbeiterin in der Ankerbrotfabrik und Widerstandskämpferin, nach welcher im Jahre 2004 die im Stadtentwicklungsgebiet Monte Laa neu angelegte Käthe-Odwody-Gasse benannt wurde.

Katharina OdwodyAls jüngstes der insgesamt sechs Kinder der Landarbeiter Franz und Maria Wanek wurde Käthe am 6.3.1901 in Hluk (Tschechien) geboren. Die Familie kam 1905 nach Wien. Nach ihrer Schulzeit in Favoriten ist Käthe in verschieden Firmen als Hilfsarbeiterin beschäftigt. 1921 heiratet sie den Schlossergehilfen Franz Odwody, drei Jahre später wird sie in der Ankerbrotfabrik als Hilfsarbeiterin aufgenommen und ist dort bis 1934 auch als Betriebsrätin tätig. Von 1923 bis 1934 ist sie auch Mitglied der freien Gewerkschaft der Lebens- und Genussmittelarbeiter Österreichs.

Während der Februarunruhen 1934 wird Käthe Odwody wegen des Verdachts der Teilnahme an den Februarkämpfen festgenommen. Vom 17.2.1934 bis 11.5.1934 befindet sie sich in Haft. Sodann wird sie vom Landesgericht Wien wegen „Aufstand und Hochverrat“ angeklagt. Das Verfahren wird ausgeschieden, der „Verdacht der Teilnahme am Aufruhr“ wird jedoch nicht entkräftigt. Der Anklage nach soll Käthe Odwody die Maschinengewehrgurte der Februarkämpfer in der Ankerbrotfabrik mit Patronen bestückt haben.

Bis 1938 ist Käthe Odwody arbeitslos und arbeitet sodann wieder in der Ankerbrotfabrik.

Ab Herbst 1940 wird sie in die Bezirksleitung der kommunistischen Partei für den zehnten Wiener Bezirk aufgenommen. Unter dem Decknamen „Walli“ arbeitet Käthe Odwody in der sogenannten „Siegl-Gruppe“, deren Name sich auf das Pseudonym des am 28.1.1943 wegen Hochverrates hingerichteten Rudolf Fischer (kommunistischer Widerstandskämpfer und KP-Bezirksleiter von Favoriten) bezieht. Sie stellte nicht nur die „Rote Fahne“ zu sondern kassierte und verteilte auch Geldbeträge für die KPÖ.

Die GESTAPO verhaftete Käthe Odwody am 29. April 1941. Wegen Vorbereitung zum Hochverrat wurde sie am 9.11.1942 zum Tode verurteilt und schließlich am 23. September 1943 auf dem Schafott des Landesgerichtes Wien hingerichtet.

Zu Ehren der ermordeten Widerstandskämpfer Alexander Scheck (Mitglied des Schutzbundes, erschossen am 13.2.1934), Käthe Odwody, Franz Misek (hingerichtet am 19.9.1944) und Ludwig Führer (hingerichtet am 5.12.1944) wurde im Jahre 1946 in der Absberggasse 35 eine Gedenktafel enthüllt.

Seit 2004 erinnert auch eine Straße in Wien Favoriten an Katharina Odwody, die im Stadtentwicklungsgebiet Monte Laa neu angelegt wurde. Die Käthe-Odwody-Gasse verläuft paralell zwischen der Rudolf-Friemel-Gasse sowie der Urselbrunnengasse und führt von der Laaer-Berg-Straße hinein zum Kindergartenbereich des Campus Monte Laa.

Die historische Brotfabrik im Blickpunkt der Geschichte – angefangen von der Gründung und dem Aufstieg zur Weltgröße und Musterbetrieb, über die Krisen in Kriegszeiten bis hin zur heutigen Situation.

Gründung | Vom Kleinbetrieb zur Weltgröße | Ankerbrot als Musterbetrieb | Wirren der Weltkriege | Nachkriegszeit bis heute

 

Die Gründung

Die Gründer der bekannten Fabrik waren die Brüder Heinrich und Fritz Mendl. Sie handelten als „Commissionswarenhändler“ in Döbling mit Tee und Kaffee und erwarben unter anderem auch eine Molkerei.

Die Ankerbrotfabrik hat ihren Ursprung in der Schwarzbäckerei Emanuel Adlers in der Favoritenstraße, welche in Konkurs ging. Im Jahr 1891 kauften die Brüder Mendl die Schwarzbäckerei und gründeten im Juli 1891 schließlich die Ankerbrotfabrik unter dem Namen „Wiener Brotfabrik und Gebäckfabrik Heinrich & Fritz Mendl“.

Heinrich und Fritz Mendl erkannten schnell, dass es im Arbeiterbezirk Favoriten massive Probleme in der Brotversorgung gab – die Bäcker kamen mit der Brotherstellung auf Grund der großen Nachfrage nahezu nicht nach. Die täglich mehr leer als vollen Regale veranlassten die Brüder Mendl, ein Grundstück in der Absberggasse 35 zu kaufen und dort hin ihren Firmenstandort zu verlegen. Brot wurde somit ab 1893 bereits im neuen Firmengelände in der Absberggasse produziert. Der neue Standort erwies sich zudem als äußerst praktisch, da die vollbeladenen Pferdewaggons die Fabrik bergab verließen, während die leeren Waggons den Hang hinauf leichter zur Fabrik zurückkehrten.

Auch der berühmte „Anker“, ein Symbol des Vertrauens und der Sicherheit, wurde von den Brüdern Mendl im Jahre 1893 beim Handelsgericht als Markenzeichen eingetragen. Bis zur Arisierung im Jahr 1938 trug der ursprünglich blaue Anker noch die Initialen HFM in sich.

 

Vom Kleinbetrieb zur Weltgröße

1891 startete der Betrieb mit sechs Backöfen und 20 Arbeitern, die pro Tag rund 2000 Stück 2kg-Brotlaibe produzierten. So schnell wie immer mehr und mehr gebacken wurde, so rasch vergrößerte sich auch die Fabrik. Nahezu Jahr für Jahr wurden neue Investitionen in die Brotproduktion getätigt. Kurz vor der Jahrhundertwende wurde 1899 der Aufbau eines Filialnetzes gestartet. Im Jahre 1903 wurde eine Mühle und ein Kornspeicher in Betrieb genommen, was zu weiteren Ertrags- und Produktionssteigerung führte. Mit der Erzeugung von Weißgebäck wurde im Jahre 1912 begonnen. Mit 21 Backöfen, die mittlerweile zur Verfügung standen, konnten damals bis zu 500.000 Stück Weißgebäck pro Tag produziert werden.

AnkerbrotwagenMit hoher Qualität machte sich die Ankerbrotfabrik in der damals noch bestehenden Monarchie bald einen Namen als K.u.K.-Hoflieferant. Das Privileg des Titels „k.k. Hoflieferant“ kam nur Betrieben mit besten Qualitätskriterien bei ihren Produkten zu, den sich die Brüder Mendl mit ihren Verdiensten als Pioniere der wohlschmeckenden Dauerbackwaren zu Recht erworben haben.

Bereits in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, genau genommen im Jahre 1914, beschäftigte die Ankerbrotfabrik 1300 Mitarbeiter und war die größte Brotfabrik Europas. Für viele Favoritner war sie damals ein immer wichtiger werdender Arbeitgeber: Bereits 1920 hatte das Unternehmen 100 Filialen, 2000 Mitarbeiter und 250 Pferdegespanne. Sie versorgten täglich mehr als 100 Wiener Filialen sowie mehr als 4000 zusätzliche Verkaufsstellen.

Ankerbrot als Musterbetrieb

Die Brüder Mendl waren jedoch nicht nur Pioniere in der Broterzeugung und damit ein wichtiger Arbeitgeber in Wien Favoriten, sondern sie forcierten auch die soziale Stellung ihrer Arbeiter. Insbesondere Fritz Mendl steuerte bereits im Jahre 1891 den damals herrschenden katastrophalen Lohn- und Arbeitsverhältnissen entgegen, in dem er einen 8-Stunden-Tag (an Stelle des 24-Stunden-Tages) einführte und sich um bessere und akzeptable Löhne für seine Bäcker bemühte.

Ankerbrot LuftaufnahmeDie in der Folge gesetzten sozialen Maßnahmen glichen in der damaligen Zeit einer sozialen Großleistung. So wurden beispielsweise Bäder, Speisesäle und sogar ein Sanitätszimmer für die Mitarbeiter geschaffen. Für die Kinder der Arbeiter und Angestellten wurde ein Erholungsheim adaptiert. Um die Wohnungsnot zu lindern, wurden von der Geschäftsführung auch Objekte in Fabriksnähe gekauft und als Wohngebäude adaptiert. In der Zwischenkriegszeit konnten Mitarbeiter auch die am Fabriksgelände angelegten Schrebergärten erwerben.

Die Brüder Mendl wollten ihren Mitarbeitern ab 1.1.1919 auch eine Beteiligung an der Hälfte der Erträgnisse des Unternehmens zukommen lassen. Diese damals revolutionäre Idee scheiterte jedoch an der ökonomisch schlechten Lage nach Kriegsende.

 

Ankerbrot während der Wirren der Weltkriege

Der erste Weltkrieg setzte der Ankerbrotfabrik ordentlich zu. Durch den Niedergang der Habsburgermonarchie ging der Absatzmarkt in den Kronländern verloren. Die allgemeine wirtschaftliche Flaute wirkte sich ebenso aus wie die verringerte Kaufkraft des Geldes und die immer höher steigende Arbeitslosenrate. Auf Grund der allgemeinen Verarmung und der Hemmung des Absatzes von Grundnahrungsmitteln kam es im Jahre 1918 unter anderem auch zu Hungerdemonstrationen vor der Ankerbrotfabrik. Die Arbeiter reagierten darauf und gründeten die „Arbeiterwehr“, die mit rund 1000 Mann zur stärksten in Wien zählte und das Werk vor den drohenden Plünderungen schützte.

Ankerbrot 1945Auch die Geschäftsführung reagierte auf die Wirren der neuen Ära: Um den Absatzschwierigkeiten entgegenzutreten, forcierten die Brüder Mendl eine neue Betriebspolitik. Sie setzten auf neue Produkte, billige Waren und Werbung. Vor allem Julius Klinger und Josef Binder entwarfen Slogans und Werbeplakate, deren Werbewirksamkeit über Jahrzehnte hin anhielt. So ging beispielsweise der populäre Slogan der dreißiger Jahre „Worauf freut sich der Wiener, wenn er vom Urlaub kommt? Auf Hochquellwasser und ANKERBROT.“ in die Kulturgeschichte ein. Im Jahre 1924 wurde die Ankerbrotfabrik, die bereits seit 1906 unter dem Namen „Ankerbrot“ firmierte, als Aktiengesellschaft eingetragen.

Nahezu zur Legende wurde auch ein Maler, der während der Zwischenkriegszeit fast jeden Tag zur Ankerbrotfabrik kam und dort in seinem „Freiluftatelier“ Bilder von der Fabrik malte. Dabei arbeitete er mit Wasserfarben, Öl und Pastell. Er soll durchaus Talent gehabt haben, hatte jedoch ausschließlich die Ankerbrotfabrik im Visier. Wovon der Mann, an dessen Name sich niemand mehr erinnern kann, gelebt hat konnten sich die Favoritner nicht erklären. Man vermutet, dass er sich eventuell mit Spenden über Wasser gehalten hat, denn seine Werke konnte er trotz vieler Zuschauer scheinbar nicht verkaufen. Eines Tages kam der Maler nicht mehr zur Fabrik und seine Bilder sind ebenso im Sand der Zeit verschwunden wie er selbst.

Während der Unruhen im Februar 1934 erfolgte ein Streikaufruf, worauf es zur bewaffneten Auseinandersetzung mit den Ordnungskräften kam. Die Ankerbrotfabrik war zu diesem Zeitpunkt Stützpunkt des republikanischen Schutzbundes und der sozialdemokratischen Partei. Nach der Niederschlagung des Streiks wurden zahlreiche Mitarbeiter der Ankerbrotfabrik verhaftet.

Im Jahre 1938, wenige Tage vor der Okkupation Österreichs im März, setzte sich die Familie Mendl in die Schweiz ab. Das Werk wurde zwar „arisiert“, war jedoch rasch ein Zentrum des Widerstands gegen die Nationalsozialisten.

Als die Angleichung der Steuern an das höhere reichsdeutsche Niveau (bei gleichbleibenden Löhnen!) erfolgte, streikte die Belegschaft im Jahre 1939 und sorgte dafür für großes Aufsehen. Die GESTAPO schlug den Streik nieder und war in den Folgejahren öfters bei Ankerbrot gesichtet.

Im Laufe der nationalsozialistischen Zeit wurden mehrere Betriebsangehörige verhaftet. Die vier aktiven Widerstandskämpfer Alexander Scheck (Mitglied des Schutzbundes, erschossen am 13.2.1934), Käthe Odwody, Franz Misek (hingerichtet am 19.9.1944) und Ludwig Führer (hingerichtet am 5.12.1944) bezahlten ihre Haltung mit dem Leben. Ihnen zu Ehren wurde 1946 in der Absberggasse 35 eine Gedenktafel enthüllt. Käthe (Katharina) Odwody, deren Name heute die Gasse von der Laaer-Berg-Straße hinein zum Kindergartenbereich Campus Monte Laa trägt, wurde am 23.9.1943 hingerichtet.

 

Die Zeit nach den Weltkriegen bis heute

Während des zweiten Weltkrieges blieb auch die Ankerbrotfabrik nicht unbeschädigt. Die wichtigsten Bereiche, wie Pack- und Maschinenräume, blieben jedoch heil. Auch die Roggenmühle war gebrauchsfähig. Die Wiederaufnahme des Betriebes gestaltete sich dennoch schwierig: Die SS hatte alle Pferde und Lastwägen entweder mitgenommen oder vernichtet, was die Versorgung der Bevölkerung erschwerte. Auch die Plünderungen durch die Zivilbevölkerung belastete die Wiederaufnahme der Broterzeugung. So erholte sich die Ankerbrotfabrik nur langsam von den wirtschaftlichen Rückschlägen und den Beschädigungen.

AnkerbrotNach Kriegsende wurde das Unternehmen wieder an die Familie Mendl übergeben und wurde anschließend schrittweise vom Schoeller-Konzern übernommen. Im Jahre 1965 verlässt das letzte Pferdefuhrwerk das Fabriksgelände. Ab sofort erfolgte die Auslieferung der Waren mit VW-Bussen.

Der Industriekonzern Schoeller fusionierte Ankerbrot im Jahre 1970 mit den Hammerbrotwerken. Diese wurden bereits 1908 gegründet und war in Schwechat beheimatet. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten die Hammerbrotwerke auch Standorte in Floridsdorf und in der Leopoldstadt. Auf Grund der vorangegangenen Fusionierung wird der Name kurzfristig auf „Vereinigte Nahrungsmittel Industrie AG“ abgeändert. Bereits 1972 werden die Hammerbrotwerke geschlossen. Auch die Ankerbrotfabrik hatte Schwierigkeiten, der Personalstand wurde von mehr als 3000 auf etwa 1900 reduziert.

Im Jahre 1981 erwarben die Brüder Helmut und Gerhard Schuster das Unternehmen. Die Firma erlebte in dieser Zeit einen Aufschwung und wurde 1983 wieder in „Ankerbrot“ umbenannt. 1996 übernahm Ankerbrot die Ährenstolz GmbH aus dem ehemaligen Konsumbesitz und kam dadurch ins Trubeln. Im Jahre 1997 wurden schließlich 74% der Aktien an die deutsche Müllerbrot G.m.b.H verkauft. Die Familie Schuster behielt 23%, die restlichen Aktien befanden sich im Streubesitz. Zu diesem Zeitpunkt hatte Ankerbrot einen Umsatz von ca. 160 Millionen Euro und beschäftigte 2630 Mitarbeiter.

2003 übernahm der deutsche Millionär Klaus Ostendorf die schwer angeschlagene Ankerbrot AG.

Auf Grund finanzieller Schwierigkeiten ging das mittlerweile bereits teilweise denkmalgeschützte Fabriksgebäude in der Absberggasse 2005 in das Eigentum eines Bankenkonsortiums (unter der Führung der Bank Austria) über. Ankerbrot konnte das Areal jedoch – ursprünglich befristet bis 2008 – pachten. Im Frühjahr 2006 erwarb die US-Investmentgruppe Apax ein Unternehmensanteil von 40%.

Heute betreibt Ankerbrot noch 170 Filialen im Großraum Wien und beschäftigt rund 1.800 Mitarbeiter. Nach der erfolgreichen innerbetrieblichen Sanierung in den letzten Jahren steht das Unternehmen wieder auf soliden Beinen.

Im Südteil der Fabrik in der Absberggasse produziert Ankerbrot heute noch. Im restlichen Teil des Areals errichtet die Loftcity GmbH & Co KG derzeit Lofts. Informationen und Details zur Nachnutzung des historischen Areals finden sich im Artikel vom 30. Mai 2010, in welchem über die Führung in der ehemaligen Ankerbrotfabrik im Rahmen der Architekturtage 2010 berichtet wird.